Robert Pfaller

NACHBILD, VORBILD, NACHSICHT
Über Visualität, Idealität und Beweglichkeit in der Malerei von Marion Reisinger

 

Gegenstände ästhetischer Erfahrung bringen immer eine eigentümliche Verdoppelung mit sich: sie sind nicht nur einfach da - so, wie sie sind -, sondern signalisieren auch, dass sie so sein müssen. Auch wenn wir gar nicht erkennen, was sie überhaupt sind, scheinen sie uns zu versichern, dass hier Notwendigkeit für ihr Sosein besteht. Solche Gegenstände verdoppeln sich also und präsentieren sich selbst nicht nur als Fakten, sondern auch als ihre eigenen Normen – sozusagen ihre weniger schattenhaften platonischen Idealbilder. Dies ist nur möglich, indem sie ein Gefühl des dejà-vu erzeugen: man meint, das Ideal schon zu kennen, und das Ding entspreche nun seinem Sollen. Aber in Wahrheit war es natürlich das Ding selbst, das sich hier gleichsam in der Zeit voraussetzte, um dann, Millisekunden später, den vollen Erfolg seiner Perfektion und Idealentsprechung einzufahren.
Viele Bilder von Marion Reisinger haben nicht nur genau diese Struktur; sie fahren nicht nur mit dem vollen Gefühl des Soseinmüssens ein, sondern sie handeln auch davon. Sie sind oft eher Nach-Bilder als Bilder; schon die Farbwahl verrät das. Solche „dreckig Altrosa-“, Braun-, Grün- oder Sepiatöne, Erdfarben oder Nichtfarben treten zwar auch in der sichtbaren Wirklichkeit auf, aber in solcher Ausschließlichkeit zeigen sie sich wohl nur, wenn wir geblendet die Augen schließen und dann dasselbe noch einmal, in gedämmten Farben, wiedersehen. In dieselbe Richtung deutet auch ihre Anmutung als Negativbilder – sowohl in der Verteilung der Farben zwischen Motiv und Hintergrund und in den Farbtönen, die an jene von älteren lange belichteten Fotopapieren erinnern, als auch im malerischen Verfahren, das oft im Wegkratzen oder Wegtupfen der sujets aus der Farbschicht ihrer Umgebung besteht, und das insofern ein negatives, sozusagen „skulpturales“ und nicht „plastisches“ malerisches Verfahren genannt werden kann. Auch manche Detailarmut und Archaik der Dinge, die hier zu sehen sind, mag von dieser Reduktion des Augenschließens herrühren.
Aber es ist andererseits gar nicht sicher, dass alle diese Bilder überhaupt auf dem Weg der sinnlichen Wahrnehmung dorthin gelangt sind, wo wir sie bei geschlossenen Augen sehen. Eine Frau, ein Mann, ein Kind schwimmen, jedes in eine andere Richtung blickend, in dreieckiger Anordnung, verloren in einer braunen Brühe: Wenn uns das vertraut vorkommt, dann nicht nur, weil wir es vor kurzem mal gesehen haben. Es ist auch ein Vorstellungsbild, sozusagen eine innere Halluzination - die Idee einer Familie, die auf geradezu rührende Weise, leicht verzweifelt, versucht, eine Familie zu sein; das heißt, die versucht, der Idee von einer Familie zu entsprechen.
Marion Reisingers Bilder sind also manchmal wohl auch die Nach-Bilder von Vorbildern, das heißt: von Mustern, die einen beherrschen kö
nnten; oder auch von Dingen, die sich selbst Vorbilder gesetzt haben und darum von Mustern beherrscht werden. Zu sehen sind leicht verlorene, bemühte Gestalten; ganz bestimmte, und sicherlich jeweils mit einer prägenden Geschichte behaftete Dinge – bezeichnenderweise übrigens oft Vorrichtungen zum Sichtschutz wie Zelte, Paravents, Vorhänge oder Biwaks; oder auch eine vage erinnerte Situation; eine verlorene Ideallinie; "ein Bild von einem Mann". Diese Idealität im Visuellen; dieses Beherrschtsein von Bildern nochmals abzubilden, hat etwas Rührendes oder Berührendes, und vor allem etwas Erleichterndes an sich. Nun außen sehen zu können, was man bisher innen als mehr oder weniger bewusstes Vorstellungsbild, als fixe Idee oder stockendes Faszinationsmotiv halluzinierend mit sich herumgetragen hat, ist beruhigend und ermöglicht es, wie wachgeworden über einen Alptraum zu lächeln, der einen eben noch geplagt hat. Schön ist dabei übrigens, dass es gar nicht unbedingt die eigenen Bilder sein müssen, deren Anblick uns doch von den eigenen Bildern erleichtert. Für das Theater hatte Aristoteles etwas Ähnliches erkannt: so zu tun, als würde man mit den auf der Bühne dargestellten, fiktiven Schicksalen affektiv mitleiden, kann das Publikum von den wirklichen Affekten, die es als steckengebliebene mit sich herumträgt, erleichtern. Beim Betrachten der Bilder von Marion Reisinger kann man vage und beschwerliche innere Bilder loswerden - oder auch mit ihnen besser umgehen lernen -, indem man sie gegen bestimmte Nachbilder anderer solcher Bilder vorteilhaft eintauscht. Marion Reisingers Bilder zu betrachten schult einen in der Nachsicht gegenüber den eigenen Vorstellungen – oder genauer gesagt, in Gelassenheit und Souveränität gegenüber jenen Einbildungen, deren hilflose Beute man sonst wohl wäre.

         Dezember 2016