Günther Oberhollenzer

Auszug aus der Eröffnungsrede zu  "Sync", Galerie in der Landhausbrücke, 2018

 

Die Arbeiten von Marion Reisinger sind von einer klaren wie reduzierten Bildsprache. Die Werke weisen zwar alle auf unsere Welt und Wirklichkeit, die Malerin lässt sich von Gegenständen und Räumen, Menschen und Landschaften inspirieren, doch im malerischen Prozess reduziert sie diese Motive auf das Wesentliche, sie verdichtet sie auf ihre (malerische) Essenz – oft tritt der figurative Gegenstand auch komplett in den Hintergrund, er wird zum Zeichen, zur (abstrahierten) Form. Die Künstlerin emanzipiert sich von dem vorgefunden Ausgangsmaterial und erschafft eine eigene Wirklichkeit, mit selbst gewähltem Regelwerk und Gesetz. Als Ausgangsgedanke dienen geometrische Schatten auf Fliesen, lineare Muster oder organische Strukturen an Hausfassaden, eine Öllache, feiner Sprühregen auf einer schmutzigen Autoscheibe und andere Alltagsphänomene, der Bildfindungsprozess verläuft aber größtenteils intuitiv und entfernt sich weit davon, ein reines Abbild zu schaffen. Es heißt ja sehr schön, man kann „etwas auf Leinwand bannen“, die Malerei gewinnt Macht über das Bildsujet, verleibt es sich ein. Wir sehen hier eine pure Malerei, ganz auf sich selbst focussiert, mit zurückgenommenem, eingeständigem Farbklang, einem unauffälligen Kolorit, zart und verwaschen.

Reisinger malt mit Öl, als Untergrund verwendet sie Leinwand, aber auch immer wieder Papier, Holz oder Karton. Sie trägt Farbe auf, Teile davon wischt sie gleich wieder mit Tüchern weg, oder kratzt mit kleinen spachtelartigen Hilfsmitteln hinein. Das führt oft zu überraschenden Erkenntnissen, der Zufall, welche Farbe und Form freigelegt wird, spielt eine wichtige Rolle. Die Künstlerin malt gleichzeitig an mehreren Bildern, es kann dann passieren, dass einige innerhalb von wenigen Tagen fertig werden, andere hingegen liegen bleiben, da sie im Moment keine Änderung vertragen – manchmal aus pragmatischen Gründen, da eine Schicht trocknen muss oder keine Zeit für eine malerische Finalisierung da ist. Oft gibt es auch längere Pausen. Dann kann es auch vorkommen, dass fast fertig geglaubte Bilder bis ins Unkenntliche verändert oder komplett übermalt werden – für die Künstlerin ist das oft wie eine Befreiung. Ihre Bilder bestehen meist aus vielen Schichten, Fehlversuche und Zwischenstadien, die dann wieder übermalt werden – ein sehr freies, assoziatives Umgehen mit Form und Farbe. Diese oft nicht mehr sichtbaren Schichten nennt Reisinger die „vielen Möglichkeiten des Bildes“ oder auch eine Art „Humus“ für den fertigen Farbraum. Früher arbeitete sie oft  nach fotografischen Vorlagen, diese dienten als Erinnerungsnotiz, Stütze oder Ausgangsidee, in den letzten Jahren treten diese als direkter Bezug aber immer mehr in den Hintergrund. Sie schöpft nun aus ihrem reichen Formschatz, den sie sich über die Jahre zugelegt hat. Die Bilder erscheinen nicht als narrativ, Reisinger will keine Geschichten erzählen sondern durch die starke Präsenz von Struktur und Form diese selbst für sich sprechen lassen. Manchmal erkennt man auf ihren Bildern ganz klar noch etwas, dann gibt es sehr wage Figuren oder fast völlig abstrakte Strukturen, wie ein Schatten, eine nicht greifbare Erinnerung, wie ein Traum, die Unschärfe eines alten Film. Und doch verbindet all die Bilder – gerade auch, wenn man sie nebeneinander sieht – ein roter Faden, eine unübersehbare Verwandtschaft: es sind zarte Spuren, die immer wiederkehren, ein Spiel mit Nähe und Distanz, eine Auseinandersetzung mit Alltag und Umgebung, mit Traum und Erinnerung. Sie male Gegenstände, Dinge, die etwas sein könnten, so die Künstlerin[...]